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„….doch dann kam Corona.“

9. Februar 2021

Kaum jemand, der seine Erzählungen über die Pläne für das Jahr 2020 nicht schon mit diesem Nebensatz beendet hätte. Was hatten wir nicht alles vor? Unsere Sätze sprühen über vor Konjunktiv….hätte, müsste, sollte. Wollte. Eigentlich.

Denn während wir Menschen fleißig Pläne schmiedeten, hatte das vergangene Jahr seine ganz eigenen. Und wie so oft, wenn uns bewusst wird, dass nicht alles von unserem eigenen Zutun und unserer Anstrengung abhängt, fühlen wir uns ganz schön ohnmächtig. Und klein.

So groß die Ausmaße der Corona-Pandemie, die unser aller Leben bis zum heutigen Tag beeinflussen, so klein war der Mensch, der mein Leben seit dem letzten Jahr verändert hat. Ende Mai 2020 erblickte meine Tochter Ava Rose mit neugierigen Augen das Licht dieser Welt.

Und plötzlich spielten sich meine Pläne nicht mehr im Konditional ab, sondern im (inneren) Imperativ. Du kannst, denn du sollst, was du musst!!! Und ich musste ganz schön viel auf einmal. In den ersten Wochen einer Neu-Mama war nur noch wenig Raum, um sich Gedanken über die Renovierung eines weit entfernten Hauses zu machen. Es galt zunächst das tägliche Chaos im Hier und Jetzt zu bewältigen.

Natürlich war mir im Hinterkopf bewusst, dass noch eine ganze Menge Arbeit anstand/angestanden HÄTTE. Allein die Vorstellung, dass der Wildwuchs im Hof wieder meterhoch anwachsen könnte, brachte mich um einige ruhige Minuten, die ich lieber mit Schlafen zugebracht hätte. Zum Glück konnte ich mich auch diesmal wieder auf Domnul Ferentz verlassen. Er „stutzte“ alles im Garten sauber – und vor allem auf wenige Zentimeter.

Doch trotzdem fand ich keine Ruhe bei dem Gedanken, nicht selber vor Ort nach dem „rechten sehen zu können“, wie es sich für anständige Sächsinnen gehörte. Manchmal stellte ich mir vor, dass ich gleich nach dem Lockdown nach Rumänien reisen, mein kleines Baby einfach in eine Hängematte legen und „nebenbei“ am Haus arbeiten könnte. So romantisiert die Vorstellung, so ernüchternd die Realität.

Spätestens im September wurde klar, dass wir kurz vor dem Ausbruch einer zweiten Infektionswelle standen. An eine Reise nach Rumänien im Frühherbst war nicht mehr zu denken.

Und so blieb 2020 das Jahr, in welchem mir meine neue Mutterrolle, aber vor allem die besonderen Umstände, nur eines übrig ließen: den Rückzug ins Innere. Wenn man im Außen nicht vorwärtskommt, an einem Ort verharrt und scheinbar stagniert, so bleibt doch der Prozess der inneren Entwicklung. Statt der Renovierung meines Hauses blieben mir also der Nestbau und viele, viele Sinnfragen.

Fragen, die sich vermutlich viele von uns in diesem besonderen und für unsere Existenz so erschütternden Corona-Jahr, gestellt haben.

Was macht es mit uns (Stadt-)Menschen, wenn wir plötzlich Angst vor Lebensmittelknappheit bekommen? Wie lange sind eigentlich unsere Lebensmittelketten? Gehen uns die Barilla-Nudeln aus, wenn in Italien ein Virus wütet? Haben wir, die homo economicus, es wirklich nötig, auf billigste Fleischerzeugnisse zurückzugreifen, die von ausgelaugten und an Covid erkrankten Arbeitern aus Rumänien unter unmenschlichen Zuständen hergestellt werden?

Die Frage nach Selbstversorgung, Autonomie in der Lebensmittelversorgung oder zumindest dem eigenen kleinen Gemüsegarten hat viele Menschen im Jahr 2020 beschäftigt, vielleicht zum ersten Mal. So auch mich. Was hätten wir in dem fruchtbaren Boden des Kokeltals, angereichert von den anliegenden Kalkvorkommen, nicht alles anbauen können?

Doch umsonst der große Garten in weiter Ferne. Wer anbauen und sich davon selbst ernähren möchte, der muss den gesamten Zyklus einer Ernte vor Ort sicherstellen. Und das ist einfacher gesagt, als getan.

Und trotzdem schätze ich mich, auch ohne eigenen Gemüsegarten, zu den Glücklichen. In diesem, für die gesamte Welt verheerenden Jahr 2020, habe ich weder Mangel an etwas leiden müssen (obwohl ich zugegeben schon im April Gelüste nach Melone hatte, aber das lag an den besonderen Umständen), noch musste ich mir Gedanken um mein Überleben machen.

Natürlich stellte es mich vor existentielle Fragen und zeitweise wurden mir die vier Wände zu einem Mikrokosmos, den ich nicht selbst gewählt hatte. Aber als solcher ist ein Mikrokosmos ein Privileg. Ein Dach über dem Kopf zu haben, einen Ort, an dem man sich in Zeiten von Krisen sicher fühlt, ein Rückzugsort, eine Zuflucht, ein Zuhause.

Wie wichtig es für Anna war, ein solches Zuhause zu haben im Rumänien der Nachkriegsjahre, erschließt sich aus einigen Briefen meines Großvaters an sie.

Und obwohl ich die Relativierungen einiger Mitmenschen, welche die coronabedingten Einschränkungen mit dem Verweis auf die viel schlimmeren Bedingungen während eines Krieges kleinzureden versuchen, nicht teile, zitiere ich einige Zeilen meines Großvaters, die mich mit Demut erfüllen:

„Hier ist grosser Schnee und ich denke ob Du Holz hast. Ich schicke Dir meine Karte für Brot, später schicke ich dir auch die Petroliumkarte. Wie steht es mit der Kuh und dem Kalb. Geht es ihnen gut?“

Hermannstadt den 31.01.1954

 

 

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