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Labora et gratia

30. Dezember 2019

2019 neigt sich dem Ende zu. Diese seltsamen Tage zwischen den Jahren, an denen man sich irgendwie benommen fühlt und leicht das Gefühl für Raum und Zeit verlieren kann, lassen endlich die nötige Muse aufkommen, um auf das letzte halbe Jahr zurückzublicken.

Es war ein ereignisreiches halbes Jahr. In meiner Erinnerung sehe ich mich in brütender Sommerhitze, mit Annitantes viel zu kleinem Strohhut auf dem Kopf, Unkraut vor dem Haus jäten. Schränke aussortieren und auf bewegende Schriftwechsel aus den Kriegsjahren, handgestickte Kissen, Schnapsgläser und vergessene Familienfehden stoßen. Mit der Heugabel getrocknetes Gras aufstapeln und Birnen vom alten Baum  aufsammeln. Das Mauerwerk reinigen und dabei fünf Lagen Putz entdecken – weiss, blau, wieder weiss, ocker und mintgrün. Ich sehe mich auf einem Schemel sitzen und den alten, aus Flusssteinen gepflasterten Gartenweg säubern. Und ich sehe mich umringt von hüfthoch gewachsenem Gras auf 1500 qm Fläche stehen und erkennen, dass ich eigentlich einen Garten und nicht (nur) ein Haus gekauft habe.

Vor allem aber sehe ich mich inmitten all der wundervollen Menschen, die ich dank meines Projektes in den letzten Monaten kennenlernen durfte und die mein Leben auf so vielfache Weise bereichert haben.

Da sind meine beiden Nachbarn, Kurt und Hans, die beide das Herz am richtigen Fleck haben und dazu noch Vetter sind. Kurt, der mich an heißen Sommertagen in seinen Garten auf ein Radler eingeladen und mir empfohlen hat, Kleeblätter zu pflanzen, damit ich mich nicht mehr mit dem Wildwuchs im Garten abmühe. Hans, der mir frische Eier und Tomaten vor den Hauseingang gelegt und geduldig erklärt hat, wie man Weinreben am besten vermehrt. Und der, als Nicusor und Andrei kaputte Dachziegel erneuert haben, auf die undichten Stellen von seiner Hofseite aus gedeutet hat.

Bei über 30 Grad auf meinem Dachboden zu arbeiten, das könne der besten Sauna der Welt Konkurrenz machen, meinte Nicusor. Während ich mir noch Gedanken über diese Business-Idee machte, entdeckten die Männer dank Hans` Hilfe genau jene Stelle im Dach, die den Regen ungehindert hindurch gelassen und im zweiten Schlafzimmer die Feuchtigkeit in der Rückwand verursacht hat. Eines ist sicher: Auf Hans, dessen Familie seit Generationen in Nachbarschaft mit meiner gelebt hat, ist Verlass. Seine Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft in allen Lagen (`Hilfe in Freud und Leid` ist übrigens seit jeher der Leitgedanke der siebenbürgisch-sächsischen Nachbarschaft gewesen) ist von unschätzbarem Wert und ich könnte mir keinen besseren Nachbarn wünschen.

 

Als ich im Juni nach Siebenbürgen fliegen musste, um dem Wildwuchs (verursacht durch wochenlange Regenfälle) Herrin zu werden, war ich zunächst völlig überfordert. Trotz mehrerer Postings in den sozialen Medien und Zeitungsannoncen ließ sich weit und breit kein Gärtner finden, der sich dieser Aufgabe annehmen wollte. Mit einem Rasenmäher würde ich bei meterhohem Gras nicht viel bewirken können, mein stylischer „Rasenkürzer“ aus dem Baumarkt schied mangels Effizienz auch aus und allein der Gebrauch des Wortes „Sense“ versetzte meine Familie in schiere Panik. Was also tun?

Ich erkannte wieder einmal, dass man in Siebenbürgen Dinge nur auf die eine Weise regeln kann: auf die zwischenmenschliche. Also erkundigte ich mich vor Ort bei Bekannten und stieß so schließlich auf Domnul Ion, den mir im wahrsten Sinne des Wortes der Himmel schickte. Der ehemalige Rinderzüchter aus der Bukowina machte gerade einen Alkoholentzug beim Blauen Kreuz in Kleinscheuern (Rum. Sura Mica) und schnitt nicht nur das Gras zurecht, sondern lehrte mich in den zwei Tagen der harten Arbeit auch viel über das Leben. Domnul Ions Geschichte war ebenso bewegend wie der feste Wille, sein Leben zum Besseren zu wenden. Während wir uns gemeinsam im Schatten des Birnenbaumes abkühlten, erzählte er mir so viele Weisheiten, wie es nur Menschen zu tun vermögen, die beide Seiten des Lebens kennengelernt haben. Ich verstand, dass es im Leben nie einen Punkt gibt, an dem es zu spät ist etwas zu ändern oder neu anzufangen. Tief bewegt von unseren Gesprächen mit Domnul Ion vergaß ich fast, dass ich noch zwei Tage zuvor wegen hohem Gras zu verzweifeln drohte.

Unvergessen bleibt mir auch die erste Begegnung mit Frau Boboia. Wie viele andere Dorfbewohner, die plötzlich das offene Gartentor des Casa Anna bemerken und einen neugierigen Blick hinein in dieses verwunschene Anwesen werfen, in dem sich seit Jahrenzehnten nichts mehr getan hat, sagte sie zunächst nur zögerlich „Buna ziua“. Als wir näher ins Gespräch kamen bemerkte ich, dass sie bei dem Anblick des Hauses gerührt war und mich mit ihren warmen Augen anstrahlte. Ich erfuhr, dass meine Großtante Anna ihrem Sohn Alexandru als Kleinkind regelmäßig Deutschunterricht in der Veranda des Hauses gegeben hatte: „Er hatte sogar seine eigenen Hausschuhe bei Tanti Jena“. Mit dem verständlichen Stolz einer Mutter (die wie ich später erfahren sollte einen wirklich tollen Sohn hat) erzählte sie mir, dass Alexandru dank meiner Großtante große Freude an der deutschen Sprache entwickelte und sie heute fast perfekt beherrscht. Als dann Alexandru zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder durch das Haus lief, sagte er, für ihn sei dort die Zeit stehen geblieben. Zu wissen, dass auch andere Menschen emotional an dem Haus hängen und meine Großtante so sehr respektiert und geschätzt wurde, lässt mich daran glauben, dass ich das Richtige tue. Von oben stellt Annitante immer wieder sicher, dass ich die Menschen treffe, die mich dabei unterstützen ihr Häuschen auf Vordermann zu bringen. Wundern tut es mich nicht, hat sie doch schon zu Lebzeiten die Fäden über diese Familie zusammengehalten.

Und seit unserer ersten Begegnung ist Alexandru, ihr „kleiner“ Deutschschüler, ein wirklicher Freund geworden, auf den wir uns schon oft verlassen konnten.

So auch als es nötig wurde, mit schweren Apparaturen eine größere, völlig überwucherte Gartenfläche freizulegen. Alexandrus Nachbar Ion Ferentz kam nicht nur mit seinem Traktor und dem nötigen Werkzeug, sondern mit der gesamten Familie auf der Ladefläche. Innerhalb von zwei Stunden war dank ihnen nun der Gartenabschnitt frei, der die freie Sicht auf das Kokeltal versperrte und Füchsen als Versteck bei ihrem Versuch, Hans` Hühner zu reißen, diente. Die gesamte Familie, von den kleinen Nichten und Neffen, bis zu Ion und seiner liebenswerten Frau, packten alle gemeinsam mitan. So wie es früher der Fall war, als die sozialen Strukturen auf dem Land noch intakt waren. Ich jedenfalls erfreute mich an dem Anblick der neu dazugewonnenen Fläche und Hans freute sich seine Hühner künftig in Sicherheit vor den Füchsen zu wissen.

Ein weiteres Highlight des letzten halben Jahres war zweifelsohne auch die erneute Suche nach einem Architekten. Nachdem der Architekt des Mihai Eminescu Trust nach seinem Besuch über alle Berge und nie wieder zu erreichen war, stand ich erneut vor der frustrierenden Aufgabe, eine Fachperson in Sachen Restauration sächsischer Häuser zu finden. Nicht nur, dass die erneute Suche mich bei der Planung um Monate zurückwarf, es kostete mich sehr viel Kraft wieder von vorne anfangen zu müssen. Zum Glück kam mir auch hier wieder das starke Netzwerk in Siebenbürgen zu Hilfe. Ein Bekannter, der ebenfalls ein sächsisches Haus in Bodendorf restauriert, empfahl mir schließlich Bianca. Dank ihr, ihrer Leidenschaft und ihrem Verständnis für das Thema kann ich endlich positiv in die Zukunft blicken und hoffen, das Haus in ein paar Jahren fertig restauriert zu haben. Zum Glück sieht auch sie das Potenzial hinter diesem „kleinen Schmuckstück“, das momentan wirklich nicht in Glanz erstrahlt und vielen Dorfbewohnern eher Grund zur Sorge liefert. Nicht wenige würden bei einer Wette ihr gesamtes Hab und Gut darauf setzen, dass das Haus bald zusammenstürzt. Damit dies nicht passiert, hat ein Statiker das Casa Anna auf seine Standhaftigkeit hin geprüft und abgesehen von einigen Maßnahmen zur Stabilisierung der Tragflächen, keinen Grund zur Sorge vermittelt.

Und abgesehen von all diesen tollen Menschen, die ich im letzten halben Jahr kennenlernen durfte, gab es auch neue Familienmitglieder. Bei einer Gartenparty, der ersten seit gefühlt 50 Jahren (Annitante hätte sicherlich ihren Spaß gehabt), kamen viele liebe Abtsdörfer zusammen und freuten sich an der kleinen Führung durch das Haus. Und weil eben alles darin so alt ist, war auch das Gartenmobiliar eine Improvisation aus Holztischen und Stühlen aus dem vergangenen Jahrhundert.

Alt, vor allem aber groß, schien auch die Familie Zakel zu sein. Ich erfuhr an diesem Abend, dass sie einst den größten Hof hatten und durch Heirat mit vielen anderen Familien im Dorf verwandt waren. Und somit saß ich vermutlich zwischen vielen Cousins und Cousinen dritten/vierten Grades und erfreute mich an den Erzählungen von früher. Nicht zu leugnen war dann die Verwandtschaft zu Johanna, meiner Cousine zweiten Grades. Bereits beim ersten Blick hatte ich sie ins Herz geschlossen und ich bin mir sicher, dass wir noch weitere Feste zusammen feiern werden.

Aber nicht nur neue Begegnungen, Freundschaften und Familienmitglieder hielten die letzten sechs Monate für uns bereit  – sondern auch Überraschungen.

Um nur ein paar wenige davon zu nennen:

1.) Bei einer erneuten Vermessung des Grundstücks durch einen Topographen hat sich herausgestellt, dass ich anstelle von 1500 qm künftig nun 1700 qm Gras mähen muss. Mein Grundstück ist grösser als bislang angenommen.

2.) Die Verlegung von neuen Regenrinnen als Schutz vor Putzschäden und Feuchtigkeit (die alten Rinnen hatten ihren Dienst längst getan) ist keine einfache Angelegenheit und wird bei mindestens plus 10 Grad Aussentemperatur vorgenommen….wenn man dem verantwortlichen Handwerker glaubt.

3.) Die denkmalgeschützte Kirchenburg in Abtsdorf erfreute sich großer Beliebtheit bei diversen Interessenten und EU-Geld-Spekulanten, bleibt nach langem Hin- und Her aber doch den Abtsdörfern erhalten.

4.) Mein Vater, ehemaliger Schüler der Kunstschule in Hermannstadt, zeichnet noch immer gut und überraschte mich zu Weihnachten mit dieser kleinen, aber sehr liebenswerten Skizze.

 

Und das Wichtigste zum Schluss: 2020 bekommt das Casa Anna Unterstützung von der sechsten Generation. Meiner Tochter.

Danke an alle, die mich bei meiner bisherigen Reise, dem Abenteuer Casa Anna, begleitet und unterstützt haben. Ein besonders großes Dankeschön an den Mann, der immer an mich und mein Vorhaben glaubt, Schubkarren voller Putz abstransportiert, Gäste verpflegt, Ziegel erneuert, Erdbeeren pflanzt, meine Launen aushält wenn etwas wieder schief geht und ohne den das alles nicht möglich wäre.

Mersi draga.

 

 

  1. Hallo Doris,

    ich bin beeindruckt. Ein tolles Projekt und eine tolle homepage mit sehr interessanten, liebenswerten Texten. Ich wünsche Dir viel Erfolg und Freude bei dem Vorhaben.

    Herzlich D, z.Zt. Bamako

  2. Gerade habe ich das Buch von Jan Hülsemann erworben und bin in dem Zusammenhang auf diesen wunderbaren und sehr berührenden Blog gestoßen: ich finde es wirklich uuuuunendlich lobenswert, dass Sie als junges Paar das alte Haus der Familie wieder restaurieren, statt sich einen „lauen Lenz“, ein bequemes Leben in der Stadt zu machen! Soviel Arbeit, Mühe, Geld und sicherlich auch seelischer Kraftaufwand – davor nicht zurück zu schrecken….wow….das ist wirklich toll! Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles, alles Gute auf das nun weitere Generationen das kleine Häuschen bewohnen werden. Mut macht Ihr Vorhaben auch weil man sieht, dass man vor zuviel Arbeit beim Restaurieren alter Häuser nicht zu verzweifeln braucht, sondern es vielleicht – unter Wiederverwendung alter Baustoffe (evtl auch von anderen Häusern) – mit kleinerem Geld gelingen kann, Häuser vor dem Verfall zu retten. Ich bin SEHR auf den Fortgang Ihres Projektes gespannt und darüber hier in Ihrem Blog zu erfahren! Viele Grüße, Kraft, Ausdauer und schöne Stunden im neuen/alten Häus’chen wünsche ich. 🙂

    1. Lieber Boris, vielen herzlichen Dank für diesen netten Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe! Es ist wirklich schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die mein Herzensprojekt genau so verstehen, wie ich es mir lange erträumt habe. Es ist, wie Sie richtig sagen, der Wunsch, etwas das kulturellen und historischen Wert hat, nicht einfach dem Verfall zu übergeben und mit wenig Mitteln viel zu erreichen.
      Wenn wir eines Tages soweit sind Gäste zu empfangen, sind Sie herzlich willkommen.
      Alles Gute und herzliche Grüsse,
      Doris Zakel

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